Ich genoss die Siegerehrung der WM am Abend, bevor es am Dienstag wieder zurück nach Deutschland ging. Zuhause angekommen plante ich wie so oft nach einem Erfolg meine restliche Saison, die wie bereits erwähnt beim Ironman in Köln ihr Ende und ihren zweiten Höhepunkt finden sollte.

Auch dies war typisch für mich. Ich musste immer, wenn ich ein Ziel, eine Etappe abgehakt hatte, mir sofort bewusst machen, welches neue Ziel und welche neue Herausforderung auf mich warten würde und mir überlegen, wie ich den Weg dahin im Training gestalten sollte. Durch dieses sofortige neue Zielstellung wollte ich immer verhindern, dass ich nach einem Erfolg in ein Motivationsloch fallen würde und hielt so die Konzentration stets aufrecht. Einfach so in den Tag hinein zu trainieren, ohne zu wissen für was genau, war etwas, das mir nicht lag. Das Training dazu würde mir erleichtert werden, da mein Freund Matthias in Köln ebenfalls einen Ironman absolvieren wollte. Da er damals von mir betreut wurde, würden wir viele gemeinsame Trainingseinheiten absolvieren und uns so gegenseitig motivieren können. Dieser Wettkampf war ein sportliches Ziel, auf das ich mich freute.  Mit dem Weltmeistertitel hatte ich die Saison ja sowieso bereits erfolgreich gekrönt. Ich nutzte die aktuell bestehende Form natürlich noch aus und konnte in den drei Wochen nach der WM auch noch bei zwei weiteren Triathlonstarts gewinnen.

Wie sich das bereits in den letzten Jahren bemerkbar gemacht hatte, war mein Zeitbudget für das Training knapper und knapper bemessen. Es war klar, dass Köln mein letzter Triathlon über die Ironman-Distanz werden sollte. Danach wollte ich mich nur noch auf die kürzeren Distanzen konzentrieren. Bei der vielen Arbeit fiel es mir in der Vorbereitungsphase sehr schwer, das umfangreiche Training noch irgendwie in meinen Tagesablauf hinein zu quetschen. Ich sah für mich nur den Weg, in Köln erfolgreich ins Ziel zu kommen, wenn ich alle Wettkämpfe, die ich bis dahin noch geplant hatte, als reine Trainingswettkämpfe ansah und mein Training vorher nicht reduzieren durfte, um dort gut abzuschneiden. So musste ich also auch akzeptieren, dass ich bei diesen Wettkämpfen nicht unbedingt gewinnen konnte, da ich regelmäßig an den Tagen davor den freien Samstag nutze, um eine lange Radausfahrt von über 200 Kilometer zu absolvieren. Entsprechend müde ging ich bei den Wettkämpfen dann auch an den Start, aber ich hatte sie meinem Verein, mittlerweile war ich zum Triathlon Team Gießen zurück gekehrt, zugesagt und musste nun auch antreten.  Ich konnte jedoch gelassen mit dieser Situation umgehen. Neben meinem Weltmeistertitel war ich im Mai 2007 auch Deutscher Meister im Duathlon geworden, hatte zwei Triathlons und zwei Vorbereitungswettkämpfe im Duathlon gewonnen und gleichzeitig mehrere Laufwettkämpfe als Sieger beendet.

Um mir Zeit für das Training zu nehmen, begann ich meine Arbeitstage oft schon um vier oder halb fünf Uhr morgens, um nachmittags mit Matthias trainieren zu können. Glücklicherweise hatte er zugunsten seiner Ironmanvorbereitung seine Arbeitsstelle für ein halbes Jahr reduziert und viel Trainingszeit zur Verfügung.

Für das zeitaufwendige Schwimmtraining nahm ich mir die wenigste Zeit. Für eine reine Trainingszeit von 90 Minuten vergingen mit An- und Abfahrt, Umkleiden, Duschen, Schwimmleinen einziehen, zum Teil bis zu 3 Stunden. Ich wusste, dass ich mich trotz des ganzen Trainingsaufwands hier über die gesamten 3,8 Kilometer der Schwimmdistanz gesehen höchstens um ein bis zwei Minuten verbessern können würde. Dieser Ertrag war mir nicht groß genug, also versuchte ich mehr Zeit in das Radfahren und Radtraining zu legen, da ich ebenfalls wusste, dass ich mit qualitativ hochwertigen und sehr langen Einheiten meine ohnehin schon gute Form auf dem Rad noch steigern konnte. Schließlich konnte ich bei den 180 Kilometern der Kölner Radstrecke viel mehr erreichen als während der 3,8 Kilometer im Wasser. Meine bisherige Radbestzeit bei einem Ironman lag bei 4:44 Stunden. Durch die guten Einheiten und die Analyse meiner Testergebnisse rechnete ich mir aus, dass meine Verbesserung hier in einem Bereich von mindestens fünf oder sechs Minuten liegen sollte. Nach dem erfolgreichen Start in Györ war ich mir meiner guten Laufform überdies sehr bewusst. Ich musste nur noch versuchen, die Grundschnelligkeit, die ich über fünf und zehn Kilometer bereits hatte, in einen Marathon zu transformieren. Da ich hier genug Erfahrung hatte, wusste ich genau, was ich zu tun hatte und setzte zum Beispiel auf teilweise sehr intensive Radfahrten noch einen langen Koppellauf von 20 Kilometern im schnellen Dauerlauftempo drauf. Natürlich musste ich mich, wie in der Vergangenheit auch, zusätzlich auf entsprechendes Krafttraining konzentrieren, da mich in Köln keine Berge mit dem Rad erwarten würden und ich die 180 Kilometer komplett in der für den Rücken, gerade für den Lendenwirbelsäulenbereich, so anstrengenden aerodynamische Sitzposition verbringen musste. Vor allem die langen  Einheiten  auf dem Rad,  lange Läufe oder Koppeleinheiten machten mir zu schaffen. Danach war ich häufig sehr müde, hatte aber oft nicht die Zeit, um mich der notwendigen Regeneration hinzugeben, sondern musste oft direkt wieder zurück an an den Schreibtisch. Dies kostete mich viel Überwindung. Darüber hinaus stieg nach solchen Arbeiten der Schlafbedarf und es fiel mir sehr schwer, am nächsten Morgen das Bett um vier oder halb fünf Uhr morgens zu gewohnt früher Morgenstunde  zu verlassen. An manchen Tagen schleppte ich mich nur so von der Arbeit ins Training und von da wieder zurück, so dass der Spaß am Training dadurch verloren ging. Ich hatte aber nun einmal mit der Vorbereitung begonnen, mich in Köln angemeldet und mit Matthias einen Trainingspartner, der mir nicht nur als solcher sondern auch als Freund sehr wichtig war. Außerdem winkte mir die Aussicht auf ein gutes Preisgeld. All dies waren Gründe genug, um noch einmal eine Langdistanzvorbereitung auch unter diesen Umständen durchzuziehen.

Wie schon nach Györ nahm ich wieder meine altbewährten Betreuer mit. Mein empfindlicher Magen hatte mir wie schon geschildert eine eigene Ernährungsstrategie diktiert, die ich ohne Betreuer nicht umsetzen konnte. An den Verpflegungspunkten mussten sie mir meine eigenen Getränke und eigene Energiequellen anreichen. Ich verzichtete schon lange darauf, die von den Veranstaltern angereichten Energie- oder Elektrolytgetränke anzunehmen. Oft genug sorgten sie bei mir für Magenprobleme, Magenkrämpfe oder Seitenstechen. Über die Jahre hinweg hatte ich mir eine eigene Zusammensetzung für einen Wettkampfdrink erstellt, den ich ohne Probleme vertrug. Darüber hinaus brauchte ich, um den Überblick behalten zu können, ständige Zeitdurchgaben, welche Abstände ich auf meine Konkurrenten nach vorne und hinten hatte. Schließlich hatte ich mir in Köln nicht nur eine einfache Teilnahme am Ironman zum Ziel gesetzt, sondern wollte unter die ersten drei kommen und damit auch am Preisgeld partizipieren. Da mit Andreas Niedrig und Steffen Liebetrau überdies zwei starke Konkurrenten gemeldet waren, die ich bei einem Ironman noch nie geschlagen hatte, wusste ich, dass es wieder ein optimaler Wettkampftag für mich werden müsste, wenn ich meinen eigenen Zielvorgaben gerecht werden wollte.

Das größte Problem, dass ich im Kölner Wettkampf sah, lag darin, dass die Radstrecke ohne einen einzigen Anstieg ausgelegt war. Was bei 40 Kilometern auf dem Rad noch keine so großen Schwierigkeiten für mich darstellte, war bei 180 Kilometern in der Vergangenheit immer zu einem Problem für mich geworden. Zum einen waren bergige Strecken grundsätzlich meine Stärke. Zum anderen verbleibt man bei flachen Strecken die ganze Zeit in der Aeroposition, das heißt, man lehnt sich auf die Armschalen, was bei meiner aggressiven Zeitfahrhaltung wieder zu Rückenproblemen führen könnte. Die Erinnerungen an den abgebrochenen Ironman in Brasilien waren mir noch allzu präsent. Ich wollte nicht bei meinem letzten geplanten Ironman auf der Radstrecke ausscheiden, also legte ich in der Trainingsvorbereitung einen besonders starken Fokus auf den Aufbau der Rücken- und Rumpfmuskulatur, verringerte die aggressive Sitzposition etwas, in dem ich sie komfortabler machte und hoffte, dass der Rücken so mitspielte und mich nicht wie damals in Brasilien zur Aufgabe des Rennens zwingen würde. Ein DNF, ein did not finish, wollte ich bei meinem letzten Ironman Start  auf keinen Fall in der Ergebnisliste sehen.

Durch meine guten Erfolge in der bisherigen Saison ging ich auch in Köln selbstbewusst an den Start und war wenig aufgeregt. Ich entzog mich dem üblichen Startgekeile im Füllinger See, weil es mir beim Schwimmen nicht auf jede Sekunde ankam und es mir völlig egal war, ob ich 30 Sekunden früher oder später aus dem Wasser käme, denn meine Stärken lagen in den beiden anderen Disziplinen. So ging ich das Rennen locker und entspannt war. Da ich das Schwimmtraining weniger intensiv absolviert hatte, blieb ich mit 56 Minuten auch deutlich unter meinen sonstigen Schwimmergebnissen zurück, was mir jedoch keine Sorgen machte, da ich lediglich zwei bis vier Minuten langsamer als sonst war und mir in der zweiten Disziplin eine deutlich größere Zeitersparnis versprach.

Ich wechselte aufs Rad und fand sofort in meinen Rennrhythmus. Schnell machte ich den Schwimmrückstand wett und hatte mich schon nach 60 Kilometern unter den ersten 10 Athleten platziert. Jetzt galt es für mich, den Abstand nach vorne auf die starken Radfahrer Liebetrau und Niedrig nicht zu groß werden zu lassen. Schon früh im Rennen wollte ich in den Bereich der ersten drei, meiner Zielposition, gelangen. Meine Ernährungsstrategie ging wunderbar auf. Ich hatte weder mit einem Hungerast noch mit Magenproblemen zu kämpfen und auch mein Rücken hielt Dank des Aufbautrainings der Belastung stand. Ich konnte ein Tempo vorlegen, dass ich bisher noch nie bei einem Ironman gefahren war. Es gelang mir, eine Radzeit von  4:35 Stunden hinzulegen, das ist nur unwesentlich langsamer als ein Kilometerschnitt von 40km/h, und mich sogar auf Platz 2 vorzuarbeiten. Ich hatte zwar bereits einen Rückstand von 8 Minuten auf den führenden Weltklasseathleten und Überbiker Steffen Liebetrau, ließ mich aber davon nicht aus dem Konzept bringen. Viel beruhigender für mich war, dass ich bereits ein Polster von 7 Minuten auf Platz 3 und von 9 Minuten auf Platz 4 hatte.

Auf der Laufstrecke bemerkte ich schon, dass mir das harte  Radfahren in den Beinen steckte. Trotzdem konnte ich auf den ersten 10 Kilometern Zeit nach vorne gutmachen und verlor nach hinten nur wenig von meinem Vorsprung. Schnell bemerkte ich aber auch, dass mir die hohen Kilometerumfänge der früheren Ironmanvorbereitungen fehlten. Während ich früher in einer Trainingswoche in der Vorbereitung zu einem Ironman zwischen 500 und 800 Radkilometer fuhr, kam ich in der jetzigen Vorbereitung lediglich auf durchschnittlich 300 bis 400 Kilometer. Das sollte sich nun bemerkbar machen. Dieses hohe Tempo würde ich nicht bis ins Ziel durchhalten können. So beschloss ich, auf Nummer sicher zu gehen und den zweiten Platz nicht zu gefährden, auch weil Liebetrau an diesem Tag für mich nicht einzuholen war. Ein Überziehen des Tempos und ein Überschreiten der eigenen Möglichkeiten führen in fast allen Fällen zu dramatischen Einbrüchen in der Geschwindigkeit oder gar dem Wettkampfabbruch. Ich drosselte dementsprechend das Tempo und kontrollierte nicht mehr die Abstände auf den Führenden, sondern nur noch den Vorsprung auf Platz 3. Dabei akzeptierte ich, dass mein Verfolger alle fünf Kilometer etwa eine halbe Minute auf mich aufholte.  Dies sollte sich bis ins Ziel nicht mehr ändern, so dass ich meinen letzten Ironman  überglücklich mit einem zweiten Platz im Kölner Ziel vor dem Schokoladenmuseum feiern konnte. Noch einmal hatte ich einen Ironman unter den letzten Dreien beenden können, erneut in einer Zeit von  weniger als 9 Stunden und das sogar mit neuer Radbestzeit.

Meine Splits: Swim 00:55:34h | Bike 04:35:36h | Run 03:20:31 |  Endzeit 08:55:34h.

Wie in Györ war meine Gefühlswelt im Vergleich zu früheren Wettkämpfen und Erfolgen eine völlig andere. In den nächsten Jahren würde ich keine Zeit mehr finden, um einen Ironman zu absolvieren. Gleichzeitig war ich unheimlich stolz darauf, dass ich es erneut geschafft hatte, trotz der Doppelbelastung aus Sport und Beruf so leistungsfähig gewesen zu sein. Es war mir sehr klar, dass ich Ironmanwettkämpfe nicht auf einem anderen Niveau machen wollte als diesem. Natürlich hätte ich auch mit weniger Aufwand eine Ironmanvorbereitung durchführen können, wäre dann aber mit Sicherheit im Rennen circa eine halbe Stunde langsamer gewesen und hätte mich dementsprechend weiter hinten platziert. Wie schon geschildert konnte ich mir das für mich selbst aber nicht vorstellen. So sollte dies auf absehbare Zeit der letzte Ironman bleiben. Natürlich kam in diesem Moment auch etwas Wehmut in mir auf. Schließlich hatte ich vor Jahren mit dem Triathlon begonnen, um gerade Ironmans erfolgreich zu absolvieren und musste in diesem Moment erkennen, dass dieser Lebensabschnitt nun vorüber war.

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